Schäm dich! Robert Pfaller über das neue Statussymbol unserer Pseudo-Correctness
Die Aussage “Schäm dich” mutierte zur Kampfansage
Hier gibt es eine Scham, die mit Stolz formuliert wird, meint Pfaller im Standard-Interview: “Die Scham ist das geworden, was man in der Soziologie ein Distinktionsgut nennt, vergleichbar einer teuren Handtasche. Man ist stolz, Scham für den anderen empfinden zu können. Dadurch deklariert man sich als etwas Besseres, Feineres. Und man versucht, den anderen mundtot zu machen”.
Wir sind aber trotzdem keine Schamgesellschaft, denn “… Schamkulturen wie etwa die japanische oder die der alten Griechen kennen nicht nur das Gebot, dass man sich keine Blöße geben darf, sondern zur Scham gehört noch ein zweites Gebot, nämlich das, über Blößen anderer gnädig hinwegzusehen, und stattdessen so zu tun, als hätte man sie nicht bemerkt”, das könnte man das Diskretionsgebot der Scham nennen, so der Philosoph und beklagt: “Wir in unserer Pseudo-Schamkultur verhalten uns da anders – wir sind zwar sehr schamempfindlich, aber sobald wir Scham empfinden, zeigen wir mit nackten Fingern auf angezogene Menschen, was eigentlich sehr schamlos ist.”
Das rühre zunächst daher, dass wir uns in einer Schuld-Kultur befänden, in der Menschen die Scham nicht als handlungsleitendes Prinzip für sich selber betrachten, weshalb sie sich nicht verschämt solidarisch mit anderen verhalten und den Anschein wahren, sondern stattdessen mit der nackten Peinlichkeit herausplatzen. Das zweite Problem, warum Menschen mit der Scham so wenig anfangen können, liege daran, dass viele Menschen ihre Zukunftsperspektiven verloren haben. Viele haben das Gefühl, sich morgen ihr Leben nicht mehr leisten zu können. Die Spirale nicht erreichbarer Ideale wird dann also als beschämend und kränkend empfunden. “Vielleicht würde es helfen, die Propaganda zu durchbrechen, die von Menschen fordert, das zu werden, was man sei.” Das verhindere nämlich, Stolz oder Ehre zu empfinden. Die würden wir nämlich nur dann empfinden, wenn wir `ein bisschen besser wären´als wir wirklich sind.
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397137-8


Hier sind zwei Buchtipps. Den ersten kann ich meinen (nicht nur ganz jungen) Lesern empfehlen: Selina Seemann ist Slam-Poetin und Wortakrobatin – sie lebt im Netz und bringt viele Alltagsphänomene selbstironisch, nachdenklich und teilweise fast kabarettistisch lustig auf den Punkt. Alles kleingedruckt, im Twitterstil und souverän in der Wirkung. Beispiele gefällig?
Ganz anders und nicht minder bestechend kommt der neue Gedichtband der Lyrikerin Judith Zander daher:
schon in den letzten Jahren organisiert die 





“Der 24. Februar hat Europa in ein Zeitloch gestürzt”, schreibt Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des 
Unliebsame Wissenschaftler werden ausgemistet, unbequeme Autoren gemobbt, Denkmäler gestürzt. Die Cancel Culture verkommt zum Tribunal der politischen Korrektheit, meint der Philosoph Konrad Paul Liessmann:
Das neue Heft lädt dazu ein, die Existenz vom Nichts her zu denken, so die Chefredakteurin Svenja Flasspöhler: Anstatt sich aktionistisch ins neue Jahr zu werfen, gälte es, vom imaginär vorweggenommenen Ende her zurückzuschauen: Wer will ich gewesen sein? “Von diesem Standpunkt aus werden Sie vielleicht vieles von dem, das Sie augenblicklich als unbedingt notwendig erachten, plötzlich viel gelassener sehen. Gleichzeitig hoffe ich, dass unsere Frage Sie ermutigt, wach, kritisch und neugierig zu bleiben. Denn es ist die Erkenntnislust, die uns einer Antwort näherbringt.”
Podcast über
An einem gut gelaunten Sommernachmittag des vergangenen Juni, als die Vögel zwitscherten, die Sonne die geschundene Seele wärmte und die Aussicht auf sorgenfreiere Monate noch etwas optimistischer war, schneite ein Newsletter der
Am