Schöne neue “postfaktische” Big Data Welt?
Dass das “postfaktische Zeitalter” angebrochen sei, hört man immer öfter… ein Begriff, den ich ĂĽbrigens fĂĽr ziemlich schwachsinnig halte – erstens, da es kein neues Phänomen ist, dass Fakten GefĂĽhlen gegenĂĽber eine untergeordnete Rolle spielen… auch wenn man das angesichts der extremen Datenfluten prima vista kaum glauben mag. Schon der griechische Philosoph Epiktet hat dereinst festgestellt: Nicht die Tatsachen bestimmen ĂĽber das Zusammenleben, sondern die Meinungen ĂĽber die Tatsachen. Dass dieser Sachverhalt (gesellschafts- wie tages-) politisch und strategisch hinlänglich ausgenĂĽtzt wird, liegt freilich auf der Hand. In der postfaktischen Wahrnehmung stören Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, man will die Tatsachen eigentlich nicht so genau wissen. “Das, was man fĂĽhlt, ist auch Realität”, ist ein typischer postfaktischer Satz. “Aus der Politik weiĂź man, dass Diktatoren und Demagogen sich gerne dieser Methode bedienen, die Wahrheit wird fĂĽr die eigene Ideologie zurechtgebogen (hr-online.de)”.
Können nur Maschinen uns vor diesem „postfaktischen Zeitalter“ retten? fragt nun der Berliner Kulturwissenschaftler Philipp Felsch weiter im neuen und von mir immer wieder mit Freude erwarteten Philosophie Magazin: Fakten mĂĽssen mĂĽhsam gewonnen werden, meint er. Daher zeichnen sie sich durch eine relative Seltenheit aus. (Als langjährige Journalistin kann ich das unterschreiben!) Das ist bei Daten nicht der Fall. Stichwort Big Data-Zeitalter. Es sei, so Felsch “… die schiere Menge an vorhandenen Daten, die unsere Standards von ĂśberprĂĽfbarkeit unterhöhlt. Mit menschlichen Kontrollverfahren allein ist diesem Missstand nicht mehr beizukommen” und “…so löblich etwa die AnkĂĽndigung von Facebook, nun eigene Fakten-Checker anstellen zu wollen, um gezielte Falschmeldungen zĂĽgiger aus dem sozialen Verkehr ziehen zu können – es dĂĽrfte kaum ausreichen, der neuen Herausforderung Herr zu werden.” Ein Fragenkomplex, dem wir uns nicht oft und ausfĂĽhrlich genug stellen können. Werden es zukĂĽnftig keine Menschen, sondern nur noch Maschinen sein, die durch das Meer der vorhandenen Daten navigieren – und werden sie dabei die Fakten generieren, auf die wir unser Handeln grĂĽnden?
Keine Ăśberraschung fĂĽr mich, dass das immer wieder lesenswerte Philosophie Magazin auch diesmal wieder eine FĂĽlle sehr aktueller und vielfach beleuchteter Fragen und Antworten aufwirft: Die hochaktuelle Frage nach der Identität, der provokante Gedanke »GefĂĽhle sind keine Privatsache«, ein Gespräch mit dem Philosophen Hermann Schmitz, oder die Hintergrundinformation zum Klassiker – Epikur– ein Religionsstifter?
Ăśbrigens hier eine weitere aktuelle Entdeckung als Randbemerkung zum Big Data-Zeitalter:
Dass Computer, Smartphones und Tablets unser Leben enorm erleichtern, ist hinlänglich bekannt, dass deren Einsatz auch größeren Einfluss auf unsere Gehirnfunktionen hat als viele das wahrhaben wollen, schon weniger. Dazu eine höchst spannende Doku zum Thema Digitale Nebenwirkungen.

