Wieder einmal eine Sternstunde… ob es um die Arbeit geht, die “frei” macht, um die testamentarische Funktion des Schreibens, um die von Tolstoi entwickelte These von der Steuerung des Geistes durch Bazillen; zu der Zizek sagt, er meine hingegen, “… dass unser Geist von Viren gesteuert wird, die sich selbst reproduzieren”, und weiter “… noch spekulativer könnte man sagen, dass der Kapitalismus ein Virus ist – ein virtuelles, anonymes System…” und…
“…wir stehen an der Schwelle zu etwas Unbekanntem, dessen Bedeutung wir nicht kennen – auf einem sehr rudimentären Niveau…” –
Zizek spricht über Kierkegard, der gesagt habe: “Ich weiss, dass es Gott gibt, verhalte mich aber so, als gäbe es ihn nicht.” Wenn er, Zizek, das …”…mit unserem heutigen Gott tue, dem wissenschaftlichen Determinismus, dann sieht das so aus – und das sollte unsere Haltung sein: Gemäß der Wissenschaft sind wir nicht frei. Aber ich nehme mir heraus, so zu tun, als ob ich frei wäre.”
Gefragt nach seiner ideologischen Zuordnung meint er: “Ich sehe mich heute als moderat konservativen Kommunisten”.
Und zu dem Spruch “Wisdom is by definition stupidity” meint er: “Ja, denn wir brauchen gut durchdachte, aber verrückte Entscheidungen!”
Das und vieles mehr – seien es seine Gedanken zu Lacan, Richard Dawkins, Schrödingers Katze oder Nils Bohr – Zizek ist immer eine Bereicherung, auf mehreren Ebenen.
Wie hat Nietzsche gesagt? „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Wie recht er doch hatte.
Hier sind zwei Buchtipps. Den ersten kann ich meinen (nicht nur ganz jungen) Lesern empfehlen: Selina Seemann ist Slam-Poetin und Wortakrobatin – sie lebt im Netz und bringt viele Alltagsphänomene selbstironisch, nachdenklich und teilweise fast kabarettistisch lustig auf den Punkt. Alles kleingedruckt, im Twitterstil und souverän in der Wirkung. Beispiele gefällig?
“kann mit achtsamkeit nichts anfangen – schiffe funktionieren auch super mit verdrängung”
“werde meine tochter thomas nennen, damit sie dax-vorstand werden kann, wenn sie möchte”
“was macht ein hahn auf einer grichischen insel? er kreta”
“ich könnte so hot sein, aber ich hab halt keinen bock”
ich sage nur #nice #saukomisch #provokant und #nachdenklich. Mehr dazu hier.
Ganz anders und nicht minder bestechend kommt der neue Gedichtband der Lyrikerin Judith Zander daher:
“im ländchen sommer im winter zur see”. Laut Verlagstext: “Zwei Orte, zwei Jahreszeiten, zwei Personen in zwei Teilen eines Ereignisses. Das trockene und das feuchte Element, Hell und Dunkel, Innen und Außen, Belebtes, Unbelebtes, Wiederbelebtes und Nichttotzukriegendes bilden die Dichotomien und Isotopien dieser Gedichte, durch die die Tiere ziehen und die Gestirne – denn alles spielt sich gleichzeitig im Himmel und auf Erden ab. Wörtliche und prophetische Rede, untermalt von etwas Musik.” Mehr dazu hier.
Dichtung zu beschreiben ist immer ein Drahtseilakt, sie muss einen berühren oder eben nicht; ähnlich wie ein van Gogh, Monet oder Picasso. Ich picke ein solches Beispiel heraus, das es bei mir geschafft hat. Ein sehnsuchtsvolles und – im Wortsinn – bedeutungsvolles Buch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt.
scrabble pardon wird nicht gegeben im schlaf den seinen
weiß ich mir locker zu denken gebe ich
ihm ein unding zwischen frau und frau einer
ums andre zu lösen genau so gibt er mir nach
und nach seinen vom andren ende zurecht
gelegten schlaf drin liege ich falsch und wach
Die phil.cologne, das internationale Festival der Philosophie in Köln, feiert Jubiläum. Vom 8.-14. Juni sprechen die Veranstalter in etwa fünfzig vielfältigen Veranstaltungen mit internationalen wie deutschsprachigen Gästen über die Welt, den Menschen, die krisenhafte Gegenwart und Perspektiven für die Zukunft. Das Programm wird ab 11. Mai auf der Website verfügbar sein.
“Der 24. Februar hat Europa in ein Zeitloch gestürzt”, schreibt Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie Magazins in der neuen Ausgabe, und: “Es ist Aufgabe der Philosophie, an die Stelle des Reflexes die Reflexion zu setzen”. Fällt zugegebenermaßen nicht immer leicht.
Kann man Krieg verstehen? Und schon gar im 21. Jahrhundert? Haben wir (der Westen, Anm.) Fehler gemacht? Haben “wir” nicht aufgepasst? Hätten “wir” es wissen müssen? Fragen über Fragen tun sich auf, nachdem sich der erste Schock gelegt hat.
Seit der Antike wird in der Philosophie um die richtige Deutung des Krieges gerungen. Ist er gerechtfertigt, schlicht natürlich oder unbedingt zu vermeiden? Die Autoren des Magazins stellen sechs Positionen von Platon bis Günther Anders vor.
Wie notwendig, gut und oder gefährlich ist es eigentlich, sich in die verschiedensten Welten hineinzudenken und alle Seiten zu verstehen? Was “muß”, was “darf”, was “soll”? Und viele Fragen offen.
Ein TV-Tipp dazu:
Unter dem Titel „Zeitenwende – Vorwärts in die Vergangenheit“ diskutieren Konrad Paul Liessmann und Barbara Stöckl im Philosophischen Forum mit folgenden Wissenschafterinnen und Wissenschaftern:
Jörg Baberowski (Historiker & Gewaltforscher), Lisz Hirn (Philosophin), Wolfgang Müller-Funk (Kulturtheoretiker), Regina Polak (Theologin & Werteforscherin ), Maximilian Lakitsch (Friedens- & Konfliktforscher)
Unliebsame Wissenschaftler werden ausgemistet, unbequeme Autoren gemobbt, Denkmäler gestürzt. Die Cancel Culture verkommt zum Tribunal der politischen Korrektheit, meint der Philosoph Konrad Paul Liessmann:
“Aus jeder Tugend kann, geht das rechte Maß verloren, ein furchtbares Laster werden. Die aus hehren Motiven entstandene Cancel Culture hat längst die Züge solch eines Lasters angenommen” warnt der Autor und führt in einem gewohnt klugen Essay beim neuen Medium Pragmaticus aus, warum das zu weit geht:
“… Der Hochmut, der sich in der Annahme zeigt, dass alle Geschlechter vor uns irrten, ist ein Missverständnis. Nicht zuletzt wir selbst sind das Resultat dieser Irrtümer. Wir werden weder zu besseren Menschen, noch schaffen wir eine bessere Welt, wenn wir diese von allen Dokumenten reinigen, die uns daran erinnern könnten, dass die Geschichte keine moralische Anstalt ist. Dass Menschen in der Regel ambivalente Wesen sind, mit guten und weniger guten Seiten, wird gerne vergessen. …” Fürwahr, Herr Professor.
Das neue Heft lädt dazu ein, die Existenz vom Nichts her zu denken, so die Chefredakteurin Svenja Flasspöhler: Anstatt sich aktionistisch ins neue Jahr zu werfen, gälte es, vom imaginär vorweggenommenen Ende her zurückzuschauen: Wer will ich gewesen sein? “Von diesem Standpunkt aus werden Sie vielleicht vieles von dem, das Sie augenblicklich als unbedingt notwendig erachten, plötzlich viel gelassener sehen. Gleichzeitig hoffe ich, dass unsere Frage Sie ermutigt, wach, kritisch und neugierig zu bleiben. Denn es ist die Erkenntnislust, die uns einer Antwort näherbringt.”
Eine Frage, die sich wohl viele Menschen schon gestellt haben, die sich mit philosophischen Themen beschäftigen.
Außerdem im neuen Philosophie Magazin unter anderem ein hochinteressanter Dialog zum Thema “Mit Heidegger im Silicon Valley”. Sam Ginn, der zu den erfolgreichsten Start-up-Gründern im Silicon Valley gehört, gewann die zündende Idee durch die Lektüre Martin Heideggers, den er durch Seminare Hans Ulrich Gumbrechts kennenlernte. Ein Gespräch zwischen Schüler und Lehrer über die Geburt des Neuen aus der Philosophie. Und natürlich eine Reihe weiterer spannender Essays. Hier gehts zum Magazin.
Podcast über Corona und Moral gefällig? Wie denken (angehende) Philosophierende darüber?
Hier ein spannender Hinweis für Philosophie-Interessierte: In der “Philosophischen Audiothek” werden seit 20 Jahren Vorlesungen, Symposia und Radiosendungen archiviert: https://audiothek.philo.at. Zu hören sind vorwiegend Sendungen aus der Reihe “Philosophische Brocken” auf Radio Orange, Wien.
Gibt es unter meinen Lesern (angehende) Philosophinnen und Philosophen? Liebe Kolleginnen und Kollegen, aufgepasst: Das Redaktionsteam arbeitet an einem neuen Portal, auf dem bereits (vorläufig) die neuesten Zugänge zu sehen sind: https://mimi.phl.univie.ac.at und freut sich über Vorschläge für künftige Programme und ist an neuen Mitarbeiter*innen interessiert. Grosser Dank an dem Projekt gebührt wohl einem meiner ehemaligen Profs an der Philo, Univ.-Prof. i.R. Dr. Herbert Hrachovec; umtriebig wie eh und je.